Zwischen Erinnerung und Unmittelbarkeit

Von Rüdiger Schwarz, Freitag, 25. Oktober 2019

Das Duo Con Animo entführt die Zuhörer in südamerikanische Klangwelten Ob Schwermut oder Lebensfreude, das südamerikanische Temperament kostet das ganze Spektrum extremer Gefühlslagen aus. Das Stuttgarter Duo Con Animo hat in der Gärtringer Villa Schwalbenhof neben dem Tango noch weit mehr musikalische Klänge zu bieten. Was hierzulande immer noch als eine eher ungewöhnliche Besetzung gilt, hat in der südamerikanischen Musik eine lange Tradition. Nicht nur der Tango wäre ohne das Spiel von Gitarre und Flöte kaum denkbar. Es gehört auch zum Choro, dem brasilianischen Musikstil schlechthin, einem Vorläufer von Samba und Bossa nova. Zwischenzeitlich fast vollständig in Vergessenheit geraten, erfreut sich diese Mischung aus europäischer Folklore und afro-brasilianischer Rhythmuswürze wieder großer Beliebtheit. Der Choro lebt vor allem auf den Straßen Rio de Janeiros und Sao Paulos, hat aber längst die Konzertsäle erobert. 2005 kam der Choro dank des finnischen Regisseurs Mika Kaurismäki sogar zu Filmehren. Für ihre „Klänge des Südens“ haben sich die Querflötistin Birgit Maier-Dermann und ihr kongenialer Begleiter, der Gitarrist Günther Schwarz, drei zeitgenössische Choros des brasilianischen Komponisten Celso Machado ausgesucht. Was da mit zartschmelzender Süße anhebt, lässt hernach alle Geschmacksknospen genüsslich explodieren. Hat dieser Celso Machado doch einen dieser Choros einer brasilianischen Leckerei gewidmet: dem Pacoca. Knackige Rhythmik und fidele Querflötenläufe Schwelgt Birgit Maier-Dermann mit ihrem Querflötenspiel erst noch in leicht verträumter, geschmeidiger Melodienseligkeit, entlockt sie ihrem Instrument wenig später wahre Freudenseufzer. Übermütig und unbekümmert, recht farbig und mit knackiger Rhythmik präsentiert sich ein anderer Choro. Der gibt sich einer Süßigkeit von etwas härterer Konsistenz hin: dem Quebra-queixo. Sodann schlendert der Zuhörer unter quirligen, fidelen und beflügelnden Querflöten-Läufen, angetrieben von einer pulsierenden, „tangoesken“ Rhythmik über den mitten im Herzen von Rom gelegenen Piazza Vittorio. Das Leben sprudelt hier nur so über, daran lassen Tempo und Rhythmik dieses Stücks keinen Zweifel aufkommen. Nach dermaßen viel Lebensfreude webt das virtuose Duo einen mehr melancholischen, unter der warmen Glut eines sanften Legato schimmernden Klangfarbenteppich, unter dem es schon mal feuriger zu züngeln beginnt. Der venezolanische Gitarrist und Komponist Alfonso Montes hat diese „Milonga al Sur“ extra für das Duo umgeschrieben. Der Regimekritiker musste sein Land verlassen, lebt seit 2000 in Stuttgart. So erzählen drei impressionistisch angehauchte Stimmungsbilder von den Erinnerungen an den nah am Dschungel im Süden Venezuelas gebauten Garten des Hauses der Großmutter. Eine sacht auf- und abwiegende, verführerisch-sublime Melodie erinnert sich der dahindämmernden Augenblicken im Schaukelstuhl dieses Gartens. Derweil man mit „El Farol“ in ein zauberhaftes und magisches Lichtfluten getaucht wird. Befindet sich in diesem kleinen Stück vom Paradies doch eine Windleuchte. Unter einem flirrenden Farbglanz lässt das Duo noch einen Kolibri sein flüchtiges Stelldichein geben. Den Reigen stimmungsvoll-poetischer Bilder spinnen die beiden Musiker mit kompositorischen Kleinoden des Argentiniers Maximo Diego Pujol weiter. Der Blick weitet sich, streift über eine Brache, die zur Sehnsuchtslandschaft wird. Unter einer Fusion aus Tango, Klassik und Jazz erliegt man dem vitalen Elan von Palermo, dem größten Stadtteil von Buenos Aires. Dann schweben wiederum ruhige Melodiebögen dahin. Die Ruhe ist trügerisch, der Himmel über der Stadt lädt sich auf, brodelt, ist voller Spannung: „Nubes des Buenos Aires“. Dieser Maximo Diego Pujol steht unüberhörbar unter dem Einfluss seines Landsmanns Astor Piazzolla. Mit dem Vater des Tango Nuevo blättert das Duo in den Kapiteln der Geschichte des eigenwilligen Tanzes, der wie kein Zweiter so viele unterschiedliche und widersprüchliche Emotionen kennt. Kecke, frivole und vergnügte Tango-Rhythmen locken einen um 1900 in die Bordells der Hafenviertel von Buenos Aires. In den Cafés der 30er Jahre gibt man sich gediegeneren und nachdenklicheren Tango-Klängen hin. Über einen Schlenker nach Paris ist der Tango nun doch noch in seinem Mutterland gesellschaftsfähig geworden. In den Clubs der 60er Jahre durchleben die Nachtschwärmer zwischen Rausch und Erschöfpung, Hingabe und Resignation ein Wechselbad der Gefühle. Zu guter Letzt brechen die Flötistin und der Gitarrist fiebrig-peitschende, expressiv-taumelnde Rhythmus-Kaskaden vom Zaun. Vom Geist eines Strawinskys infiziert, ist der Tango im musikalischen Teilchenbeschleuniger der Moderne, mit ihren zerrissenen Harmonien, angelangt. Dagegen gerät Piazzollas Spätwerk „Oblivion“ fast schon zu einer Art sentimentaler, in bittersüßen Harmonien schwelgenden Reminiszenz an vergessene Tage.

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